Kommunale Behindertenbeauftrage

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Elena Reinhard ist die kommunale Behindertenbeauftragte für den Landkreis Main-Spessart. Seit 2016 vertritt Frau Reinhard die Interessen von Menschen mit Behinderung im Landkreis und setzt sich für deren Gleichberechtigung und gesellschaftliche Inklusion ein.

Frau Reinhard, welche Aufgaben haben Sie als kommunale Behindertenbeauftragte?
Die Hauptaufgabe liegt darin den Landkreis bei der Verwirklichung und Einhaltung des Bayerischen Behindertengleichstellungsgesetzes (BayBGG) zu beraten und zu unterstützen. Konkret heißt das, Benachteiligungen von Menschen mit Behinderung zu beseitigen und damit ihre gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Welche konkreten Projekte konnten Sie bereits verwirklichen?
Mein erstes Ziel war es die Menschen für das Thema Inklusion zu sensibilisieren. Denn wer nicht persönlich von dieser Thematik betroffen ist, sieht die vielen Hemmnisse im Lebensalltag von Menschen mit Behinderung oft gar nicht. Durch zahlreiche Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit, Teilnahme an Stadtrats- und Gemeinderatssitzungen habe ich für meine Anliegen geworben. Wichtig war mir auch ein umfassendes Netzwerk aufzubauen von Institutionen und Menschen, die in diesem Bereich - ehrenamtlich und beruflich - tätig sind. Ein Ergebnis ist das Projekt „Der Runde Tisch zur Teilhabe und Inklusion MSP“, das zu verschiedenen Themen Akteure, Betroffene und Interessierte in den Austausch bringt. An meinem Arbeitsplatz im Landratsamt war mir der barrierefreie Zugang zum Gebäude ein Anliegen. Auch auf digitaler Ebene wollte ich Barrieren abbauen. So verwirklichte ich die Internetseite des Landkreises in Leichter Sprache und den Internetauftritt „Inklusion & Barrierefreiheit“. Ein Newsletter mit vielen aktuellen Informationen wurde kürzlich etabliert und kann unter www.main-spessart.de | Newsletter bezogen werden.

Und welche Ziele gehen Sie als nächstes an?
Eine große Aufgabe ist die barrierefreie Digitalisierung. Wir alle wissen, dass unser Leben im Alltag und im Beruf immer digitaler wird. Hier ist es wichtig alle Menschen mitzunehmen und von Anfang an barrierefrei zu denken. Am Digitalem Wegweiser für Menschen mit einer Behinderung, arbeite ich noch. In dem Wegweiser werden unterschiedliche Fragen wie z.B. „Wie beantrage ich den Schwerbehindertenausweis?“ beantwortet und Beratungsstellen vorgestellt. Kleinere Projekte wie die Erstellung eines Leitfadens zu barrierefreien online Veranstaltungen und Erweiterung sowie Optimierung der Netzwerkarbeit sind geplant. Größere Projekte sind momentan auf Grund der Pandemie nicht geplant.

Barrierefreies Bauen ist ein zentrales Thema in Ihrer Tätigkeit. Wie sehen Sie den Landkreis hier aufgestellt und wen und wie können Sie hier außerdem beratend unterstützen?
Beratend unterstützen kann ich zu den gesetzlichen Verpflichtungen. Grundsätzlich gibt es die Verpflichtung öffentlich zugänglich Gebäude/Plätze barrierefrei zu bauen. Die Kommunen können unter bestimmten Voraussetzungen, Fördergelder bei der Regierung von Unterfranken abrufen. Hierzu ist auch eine Stellungnahme des Behindertenbeauftragten erforderlich. Bei Ortsbegehungen kann ich auf Mängel hinweisen, um Verbesserungen zu konzipieren. Ich finde im Landkreis wird sich sehr bemüht die Barrierefreiheit voranzubringen. Im Bestandsbau, wie im Straßenbau ist es leider oft schwierig. Die Gegebenheiten vor Ort lassen sich eben nicht einfach ändern. Manches liegt auch einfach nicht in unserem Zuständigkeitsbereich, wie die DB.

Der Inklusionsspielplatz in Sendelbach ist barrierefrei gestaltet und ermöglicht so das gemeinsame Spielen von Kindern mit und ohne Behinderung. Wie ist der Stand beim Thema Inklusion in Kindergärten und Schulen und sehen Sie hier noch Verbesserungsbedarf?
Zunächst mal finde ich es großartig, dass der Inklusionsspielplatz in Sendelbach verwirklicht wurde. Dies ist ein toller Erfolg und freut mich sehr. Zum Thema Inklusion in Kindergärten und Schulen gibt es positive wie auch negative Beispiele. Schwierig ist es, wenn die Kindergärten sich der Inklusion verweigern. Es ist nun mal eine gesetzliche Verpflichtung und dennoch gibt es ratsuchende Eltern, die sich an mich wenden, da der Kindergarten oder die Schule im Ort sich verweigert. Dies dürfte es nicht mehr geben. Ich wünsche mir mehr Mut, den Weg zur Teilhabe für Alle gemeinsam zu gehen.

Was verbirgt sich hinter den Begriffen „Barrierefreies Internet“ und „Leichte Sprache“?
„Leichte Sprache“ ist eine besonders verständliche Sprache. Sie kann geschrieben oder gesprochen werden. Das Konzept der Leichten Sprache wurde für und gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten und einer geistigen Behinderung entwickelt. So werden Texte aus kurzen Sätzen aufgebaut, auf Fremdwörter verzichtet und die Inhalte sinnvoll strukturiert. Das kommt auch weiteren Zielgruppen zugute, die in unserer Informationsgesellschaft auf sprachliche Barrieren stoßen.

Zum Thema Internet kann man vereinfacht sagen, wie im Alltag stehen auch im Netz viele Menschen vor Barrieren. Barrieren im Bereich der Wahrnehmung betreffen vor allem Menschen mit Sinnesbehinderungen. So können Blinde, Sehbehinderte und Hörbehinderte den Inhalt eines Informationsangebots im Internet nicht erfassen, wenn visuelle Elemente wie Bilder, Grafiken und Schaltflächen nicht mit Alternativtexten versehen sind und es nicht möglich ist, im Browser den Farbkontrast sowie die Schriftgröße (Skalierbarkeit) der dargestellten Seite individuell anzupassen oder zu einem Video mit Ton keine Untertitel vorhanden sind. Menschen mit motorischen Einschränkungen stoßen im Internet auf Barrieren, wenn eine Eingabe per Tastatur oder Maus zum Abrufen von Informationen nur innerhalb eines engen Zeitfensters möglich ist und die Bedienung einer Internetseite nur mit der Maus und nicht mit der Tastatur oder anderen Hilfsmitteln (wie Sprache) erfolgen kann.

Wie sieht der Alltag als kommunale Behindertenbeauftragten aus und was bereitet Ihnen besondere Freude an Ihrem Beruf?
Ein Großteil meiner Arbeitszeit ist Bürotätigkeit. Ich bekomme viele Mails, die ich beantworte, ich sichte aktuelle Informationen und halte die Internetseite in leichter Sprache auf dem Laufenden. Auch Verwaltungstätigkeiten, wie offizielle Stellungnahmen nehmen viel Zeit in Anspruch. Besonders Freude bereitet mir, Projekte zu planen und umzusetzen. Hier muss ich mich oft in Geduld üben, denn da müssen – bildlich gesprochen- viele dicke Bretter gebohrt werden. In den Gesprächen mit den Bürgern stelle ich oft fest, dass das Bewusstsein wächst, dass Barrierefreiheit uns allen nützt. Ob Videos mit Untertiteln oder der barrierefreie Eingangsbereich, der auch mit Kinderwagen und Koffer Erleichterung bringt. Dieses wachsende Bewusstsein für die Vorteile der Barrierefreiheit freut mich.


Mit freundlicher Genehmigung vom Lohrer